Klappentext
Auf welche Weise wird Krieg gesellschaftlich zur Normalität? Wie sieht die Grammatik der Gewalt aus? Und unter welchen Bedingungen kann sie unterbrochen werden?
Das vorliegende schulheft verfolgt die Prozesse, durch die Militarisierung als Selbstverständlichkeit erscheint, und fragt danach, welchen Beitrag kritische Bildung im Sinne einer Friedensfähigkeit dagegen leisten kann. Die Artikel nähern sich dieser Frage aus philosophischer, theologischer, feministischer und friedenswissenschaftlicher Perspektive. Durchzogen werden sie von Stimmen junger Menschen, die Frieden als eine mögliche Bedingung von Demokratie begreifen.
Inhalt
Editorial
Zitate: Demokratie als Wert
Gabriele Michalitsch
Geistige Kriegsbereitschaft: Österreichs Militarisierung
Werner Wintersteiner
„Friedenstüchtigkeit“ als friedenspädagogische Leitlinie
Werner Wintersteiner
Politische Bildung in Zeiten des Krieges
Zitate: Rechte und Menschenwürde
Interview mit Franz Schuh
„Es dürfen alle über den Frieden sprechen“
Oskar Dangl
Religion als Weg zum Frieden – zum Friedenspotenzial der biblischen Tradition
Doris Lindner
Frieden ohne Gleichheit? Macht, Religion und die Grenzen biblischer Friedensethik
Replik auf Oskar Dangl
Melina Sederl
Transformative Potenziale nutzen
Bilddidaktische Zugänge zu Leid und globalen Krisen
Sabine Zelger
Friedensbildung permanent und mehr:sprachig!
Ein Statement
Claudia Brunner
Finde den Fehler!
Wehrpädagogik im Kinderzimmer
Zitate: Wünsche für die Zukunft
Rosemarie Schöffmann
Global Citizenship Education als Rahmen für Friedensbildung
Ein fächerübergreifender didaktischer Vorschlag
Autor:innen dieser Ausgabe
Editorial
Friedensfähig oder kriegstüchtig?
Eine Einleitung
Es gehört zu den eigentümlichen Zügen unserer Gegenwart, dass die Frage nach dem Frieden wieder gestellt werden muss – und zwar so, als hätte die Menschheit die Antworten, die sie sich nach 1945 mühsam erarbeitet hat, wieder vergessen. Nicht das Fehlen von Antworten kennzeichnet dieses Phänomen, sondern dessen tiefere Struktur: die schleichende Pathologisierung des normativen Bewusstseins, in der die Zivilität friedlichen Miteinanders durch eine entfremdete Sicherheitslogik verdrängt wird. Was bis vor wenigen Jahren als selbstverständliche Orientierungsgröße demokratischer Gesellschaften gelten konnte – die politische Ächtung des Krieges, die institutionelle Einhegung von Konflikten, das Primat des Rechts vor der Gewalt –, steht heute unter dem Druck einer Realpolitik, die sich mit dem Begriff der „Zeitenwende“[1] nicht nur legitimiert, sondern als historische Notwendigkeit inszeniert. Diese Inszenierung, mehr als politische Rhetorik[2], ist der symptomatische Ausdruck einer gesellschaftlichen Transformation, in der militärische Kategorien wieder Einzug in die Sprache des Alltags, in die Institutionen der Bildung und in die kulturellen Selbstdeutungen demokratischer Gemeinwesen halten.
Um diesen Vorgang in seiner Tiefe zu erfassen, bedarf es zunächst einer Klärung dessen, wogegen er sich richtet, nämlich den Frieden. Was ist darunter zu verstehen? Welches Friedensverständnis wird in diesem Diskurs, der immer auch den Frieden heranzitiert, desavouiert? Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Dieser Satz, so schlicht er klingt, markiert eine fundamentale konzeptuelle Entscheidung. Seit Johan Galtung in den 1960er Jahren die Unterscheidung zwischen negativem und positivem Frieden in die Friedensforschung eingeführt hat, ist deutlich, dass das Ausbleiben direkter, personaler Gewalt zwar eine notwendige, keineswegs aber eine hinreichende Bedingung für Frieden darstellt (vgl. Galtung 1969). Negativer Frieden bleibt strukturell prekär, solange strukturelle und kulturelle Gewalt, also die systematische Benachteiligung und Entwürdigung sozialer Gruppen durch ungerechte Verhältnisse, fortbesteht. Positiver Frieden hingegen erfordert soziale Gerechtigkeit als konstitutive Bedingung. Frieden ist in diesem weiteren Verständnis nicht lediglich ein Zustand, der einfach eintreten kann, sondern – wie Dieter Senghaas es formuliert hat – ein politischer Prozess, der darauf abzielt, durch Verständigung und Kompromiss Bedingungen des Zusammenlebens zu schaffen, die weder die Existenz der Beteiligten gefährden noch ihr Gerechtigkeitsempfinden so schwerwiegend verletzen, dass Gewalt als letztes Mittel erscheint (vgl. Senghaas 2004). Frieden hat in dieser Perspektive wenig mit Konfliktfreiheit zu tun, im Gegenteil. Er bewährt sich gerade dann, wenn Konflikte gesehen werden und versagt genau dort, wo für ihren Austrag nur das Mittel der Gewalt zur Verfügung steht oder gedacht wird.
Der normative Gehalt des Friedensbegriffs, wie er hier skizziert wurde, steht in einem scharfen Kontrast zu jenem Verständnis, das derzeit die öffentliche Debatte dominiert: dem der Sicherheit. Damit werden die Anerkennungsverhältnisse in bloße Schutzbeziehungen verkehrt. Frieden und Sicherheit sind, wie die friedensethische Forschung überzeugend herausgearbeitet hat, kategorial verschiedene Konzepte. Frieden ist ein sozialer Begriff, der die Beziehung zwischen Akteur:innen in den Blick nimmt und deren Qualität zu beschreiben versucht; Sicherheit hingegen denkt „radikal vom einzelnen Akteur her, der sich vor [anderen] oder gegen andere schützen muss“ (Jaberg 2017, S. 46). Sicherheitspolitik steht damit quer zu dem, was Friedenspolitik anstrebt: Sie setzt voraus, was diese gerade überwinden will – das Gegenüber als potenzielle Bedrohung, den Anderen als möglichen Feind. Was sich gegenwärtig beobachten lässt, ist nicht allein eine politische, sondern eine kulturelle Verschiebung: die Ablösung einer auf Verständigung angelegten Orientierung durch ein Sicherheitsdenken, das das Militärische als gesellschaftliche Normalform rehabilitiert. Diese Verschiebung vollzieht sich auch in den alltäglichen Diskursen, Bildern und Lernmaterialien, durch die eine Grammatik der Gewalt wieder eingeübt wird – jene Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die Gewalt als fraglose Reaktionsform sozialer Konflikte naturalisieren (vgl. Brunner 2024). Sie operiert unterhalb der Wahrnehmungsschwelle als „banaler Militarismus“ (vgl. Thomas/Virchow 2006), der nicht im Ausnahmezustand, sondern im ganz Gewöhnlichen seinen Ort hat.
Für das Bildungswesen ist diese Diagnose von besonderer Brisanz, weil Schule und Hochschule nicht als wertfreie Räume zu begreifen sind, in denen Wissen lediglich weitergegeben wird, sondern vielmehr als institutionalisierte Arenen, in denen gesellschaftliche Verhältnisse reproduziert, Deutungsmuster eingeschrieben und normative Leitbilder – sichtbar oder unterschwellig – eingeübt werden. Genau darin aber liegt die eigentliche pädagogische Möglichkeit: in der geduldigen Arbeit an einer gesamtgesellschaftlichen Kultur des Friedens – in Bildungsinstitutionen und quer durch alle Fächer – durch die kritische Befragung jener Selbstverständlichkeiten, die als unhinterfragbar gelten (vgl. Wintersteiner/Zelger 2024) Wenn heute bildungspolitische Debatten in Europa unter dem Vorzeichen stehen, junge Menschen „kriegstüchtig“ zu machen, dann ist das kein bloßes Schlagwort, sondern ein Symptom für eine tiefergehende Verschiebung in den normativen Zielen von Bildung selbst. Der Begriff verrät dabei seine eigene Logik: Tüchtigkeit, die eine Ordnungsvorstellung repräsentiert und mit Gründlichkeit gepaart ist, „verhält sich zu den entspannten Maßen des Tuns als Gegensatz“ (Negt/Kluge 1993, S. 1204). Zusammengeschlossen mit dem Krieg wird diese Tugend totalitär. Der Krieg wird als gegebener Horizont vorausgesetzt, dessen Ordnung man sich anzupassen, zu reproduzieren hat, anstatt ihn politisch und ethisch in Frage zu stellen. Kriegstüchtigkeit meint – konsequent zu Ende gedacht – die Bereitschaft zur Außerkraftsetzung jener Regeln des zivilen Zusammenlebens und der konstruktiven Konfliktregelung, die demokratische Gemeinwesen erst konstituieren. Die Frage, welche Subjekte Bildungssysteme hervorbringen sollen und welche Fähigkeiten als gesellschaftlich erwünscht gelten, ist deshalb keine bildungstechnische, sie ist eine zutiefst politische. Im Horizont einer Kriegserziehung, auf die das Bildungsziel von Kriegstüchtigkeit hinauswill, ist sie in ihrer Wichtigkeit und Dringlichkeit offenzulegen und pädagogisch zu reflektieren. Den normativen Horizont, an dem sich eine solche Reflexion orientieren kann, bezeichnet der Begriff der Friedensfähigkeit[3], verstanden als die praktische Fähigkeit, gegenseitige Verwundbarkeit zu achten und zur Gestaltung der normativen Praxis friedlichen Miteinanders beizutragen, das heißt Gewalt in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu erkennen, Konflikte ohne Rückgriff auf Gewalt zu bearbeiten und Frieden als kollektive Aufgabe herzustellen und zu erhalten (vgl. Nicklas/Ostermann 1993). Friedensfähigkeit ist dabei kein Appell zur Konfliktverleugnung und kein Plädoyer für eine Friedfertigkeit, die der Gewalt wehrlos gegenübersteht; sie ist vielmehr die anspruchsvollere Zumutung: die Fähigkeit, Konflikte in ihrer ganzen Schärfe auszutragen, ohne das Mittel der Gewalt zu ihrer Normalform werden zu lassen.
Die vorliegende Ausgabe nimmt diese Frage auf, ohne den Anspruch zu erheben, sie zu beantworten. Sie versteht sich nicht als ein weiterer Beitrag zur Friedenspädagogik im engeren Sinne, sondern als ein Versuch, die Ambivalenz des gegenwärtigen Moments aus verschiedenen disziplinären Perspektiven auszuleuchten: philosophisch, theologisch, sprach- und bilddidaktisch, feministisch und friedenswissenschaftlich. Was die Beiträge eint, ist bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Zugänge und Gegenstände das gemeinsame Interesse an jenen gesellschaftlichen und kulturellen Vorgängen, durch die eine bestimmte Art, Welt zu sehen und auf sie zu reagieren, als alternativlos erscheint; und, was vielleicht noch wichtiger ist, an den Möglichkeiten, diese scheinbare Alternativlosigkeit zu unterbrechen. Der Ausgabe liegt die – möglicherweise nicht selbstverständliche, aber gleichwohl begründbare – Überzeugung zugrunde, dass eine solche Unterbrechung nicht trotz, sondern durch Bildung möglich ist: durch eine Bildung, die Grammatiken nicht reproduziert, sondern entziffert, und die gerade darin ihrem eigenen Anspruch treu bleibt.
Die Beiträge entfalten diese Überzeugung auf je unterschiedliche Weise; und die Reihung, in der sie das tun, ist, wie wir meinen, selbst bereits eine Argumentation: vom Politisch-Institutionellen über das Normativ-Ethische zum Sprachlich-Visuellen – in der Überzeugung, dass die Analyse gesellschaftlicher Strukturen der Sprachkritik vorauszugehen hat. Gabriele Michalitsch eröffnet den Band mit einer Analyse der gesellschaftlichen Militarisierung am Beispiel Österreichs. Obwohl rechtlich zur immerwährenden Neutralität verpflichtet, folgt Österreich einem politischen Konsens, der auf „Wehrhaftigkeit“ und „geistige Aufrüstung“ drängt, bei gleichzeitig massiv steigenden Militärausgaben und drastischen Kürzungen in fast allen anderen Budgetbereichen. Michalitsch zeigt, dass Militarisierung kein punktuelles Phänomen ist, sondern sämtliche gesellschaftlichen Bereiche durchdringt: Wirtschaft, Wissenschaft und insbesondere das Bildungswesen. Im Zentrum steht das Konzept der „geistigen Landesverteidigung“, dessen inhärente Widersprüche zu Neutralität und Demokratie der Beitrag präzise herausarbeitet – damit macht er jenen ideologischen Rahmen sichtbar, innerhalb dessen die Grammatik der Gewalt gegenwärtig institutionell legitimiert wird. Werner Wintersteiner entwickelt demgegenüber den Begriff der Friedenstüchtigkeit als kritisches Gegenkonzept zu jenem der Kriegstüchtigkeit, wie er gegenwärtig in bildungspolitischen Debatten kursiert. Sein Argument ist zugleich normativ und strukturell: Eine Pädagogik, die das Essentielle dem Dringlichen opfert, verfehlt den Kern ihres eigenen Anspruchs. Schule ist für Wintersteiner als Resonanzraum gesellschaftlicher Dynamiken zu verstehen, nicht als Schutzraum vor ihnen; darin liegt wohl auch ihre eigentliche pädagogische Chance: als Ort, an dem eine Alphabetisierung für den Frieden möglich und notwendig wird. Wie dies gelingen oder aber gerade nicht gelingen kann, zeigen Wintersteiners entlarvende Analysen von Lied- und Zeitungstexten, insbesondere auch, wenn sie dezidiert für Kinder aufbereitet werden. Franz Schuh führt im Gespräch mit Valentina Diaz diese Diagnose auf die sprachphilosophische Ebene. Sein Einwurf hat methodischen Charakter: Wer die Grammatik der Gewalt unterbrechen will, muss zunächst verstehen, wie sie sprachlich operiert – denn Frieden ist kein einfaches Gegenteil des Krieges, sondern ein ebenso ambivalentes gesellschaftliches Verhältnis, das durch kriegsaffine Sprache systematisch undenk- und unsagbar gemacht wird. Damit markiert dieser Beitrag den Übergang vom politischen zum epistemischen Problem: Die Frage ist nicht allein, was getan werden soll, sondern was überhaupt noch gedacht werden kann.
Einen anderen Zugang zu dieser epistemischen Frage eröffnet der folgende Abschnitt, der die normativen Grundlagen einer Friedensethik auslotet. Oskar Dangl unternimmt eine systematische Lektüre der biblischen Tradition unter dem Gesichtspunkt ihres Friedenspotenzials. Seine These ist, dass diese Tradition kein naives Gegenprogramm zur Gewalt bietet, sondern eine durchgängige ethische Einsicht verankert: Frieden ist immer schon mehr als die Abwesenheit von Konflikten, nämlich das Resultat gerechter Verhältnisse – eine Einsicht, die mit den Grundintuitionen der modernen Friedensforschung konvergiert, ohne mit ihnen identisch zu sein. Doris Lindner antwortet auf diesen Befund mit einer feministischen Replik, die Dangls Argumentation ergänzt, indem sie jene Dimension explizit macht, die in ihr unausgesprochen bleibt. Aus säkular-feministischer Perspektive fragt sie, welche Machtstrukturen religiöse Normen historisch gestützt haben und gegenwärtig stützen, und inwiefern eine Friedensethik, die diese Frage umgeht, unweigerlich hinter ihrem eigenen Anspruch zurückbleibt. Frieden und Gleichheit, so ihr Argument, sind keine nebeneinander stehenden Werte, sondern innere Konditionen füreinander. Melina Sederl schließlich erweitert diese normative Perspektive um die visuelle Dimension: Bilder des Leidens sind allgegenwärtig, doch das Wissen, wie sie zu lesen sind, fehlt weitgehend. Ihr Beitrag macht bildtheoretische und bilddidaktische Überlegungen fruchtbar für eine Friedenspädagogik, die Jugendliche befähigt, visuell vermittelte Wirklichkeitskonstruktionen kritisch zu durchschauen, und damit eine weitere Dimension zu benennen, auf der sich dieselbe Normalisierung vollzieht, diesmal aber im Medium des Bildes.
Eben jene Ebene, auf der sich Normalisierung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle vollzieht, steht im Zentrum der abschließenden Kapitel, die die sprachlichen und visuellen Strukturen in den Blick nehmen, durch die Krieg und Frieden erst denk- und sagbar – oder unsagbar – werden. Sabine Zelger argumentiert, dass Friedensbildung nur dann gelingen kann, wenn sie jene diskursiven Strukturen analysiert, die festlegen, was als Sicherheit gilt und was als Bedrohung, wessen Leiden sichtbar wird und wessen Leiden nicht. Mehrsprachigkeit ist für Zelger daher keine bildungspolitische Zusatzleistung, sondern eine epistemische Bedingung: Wer nur in einer Sprache denkt, denkt auch nur in einer Grammatik. Claudia Brunner konkretisiert diesen Befund am Beispiel von Bildungsmaterialien für Kinder, die vom österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung verantwortet werden. Ihr Beitrag zeigt, wie militärisches Denken nicht durch Propaganda im klassischen Sinne, sondern als selbstverständliche Weltsicht eingeübt wird – durch die Einbettung militärischer Logiken in vertraute Lernformate –, und macht damit sichtbar, was unsichtbar bleiben soll. Die Pointe dieser Analyse liegt nicht im Empörungsgestus, sondern in der analytischen Präzision: Wer nicht sieht, wie diese Grammatik funktioniert, kann ihr nicht widersprechen. Rosemarie Schöffmann schließt diesen Abschnitt mit einem didaktischen Vorschlag, der zeigt, wie eine solche Gegenlektüre konkret werden kann: Global Citizenship Education als Rahmen für Friedensbildung, der literarische Auseinandersetzung, Biographiearbeit und handlungsorientierte Methoden verbindet. Im Mittelpunkt steht die Einsicht, dass Kriege keine Singularitäten sind, sondern Teil vieler Biographien – explizit erlebt oder implizit weitergegeben – und dass das Sichtbarmachen dieser Verflechtungen der erste Schritt zu einer Kultur des Friedens sein kann. Besonderes Gewicht legt Schöffmann dabei auf den Umgang mit heterogenen Lerngruppen, in denen Schüler:innen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Krieg und Flucht mitbringen.
Zu den wissenschaftlichen Beiträgen gesellen sich Stimmen junger Menschen als eigenständige Perspektive.[4] Sie sprechen zwischen den Texten, nicht um zu kommentieren, sondern um zu bezeugen, was nicht vergessen werden darf: als Erinnerung daran, dass die Sprache des Friedens älter ist als ihre gegenwärtige Verdrängung, und dass sie, trotz allem, nicht verstummt ist. Ihre Antworten zeigen, dass junge Menschen Demokratie nicht als abstraktes Institutionengefüge begreifen, sondern als gelebte Praxis, als Versprechen, das eingelöst werden will, als etwas, das sie auch als gefährdet wahrnehmen. Die Stimmen erinnern daran, was auf dem Spiel steht, wenn Bildung aufhört, Friedensfähigkeit zu fördern, und anfängt, anderes einzuüben.
Den Autorinnen und Autoren, die ihre Überlegungen zur Verfügung gestellt haben, gilt unser Dank ebenso wie diesen Jugendlichen, deren Stimmen diese Seiten durchziehen und dem theoretischen Argument seine gesellschaftliche Grundlage zurückgeben. Was diese Ausgabe gegen die Grammatik der Gewalt zu setzen versucht, ist nicht Gegengrammatik allein – das wäre, möglicherweise, zu viel versprochen –, sondern, wie wir meinen, die gut begründete Überzeugung, dass die Voraussetzungen dafür in Bildung, Sprache und Praxis bereits existieren: nicht als Programm, sondern als Möglichkeit, die eingelöst werden will.
Literatur
Brunner, Claudia (2024): Grammatik des Krieges. Beobachtungen zur Militarisierung der Gegenwart. Marxistische Blätter, 4, 58–65. https://epistemicviolence.aau.at/wp-content/uploads/2024/10/brunner-2024-grammatik-des-krieges-2.pdf
Galtung, Johan (1969): Violence, Peace, and Peace Research. In: Journal of Peace Research, Vol. 6, No. 3, S. 167–191.
Jaberg, Sabine (2017): Frieden und Sicherheit. In: Werkner, Ines-Jacqueline / Ebeling, Klaus (Hrsg.): Handbuch Friedensethik. Wiesbaden: Springer VS, S. 43–53.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander (1993): Gewalt des Zusammenhangs (=Geschichte und Eigensinn 3). Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Nicklas, Hans / Ostermann, Änne (1993): Friedensfähigkeit. Aspekte der bisherigen friedenspädagogischen Diskussion und Perspektiven für die Zukunft. In: Galtung, Johan (Hrsg.): Gewalt im Alltag und der Weltpolitik. Friedenswissenschaftliche Stichwörter zur Zeitdiagnose. Münster: Agenda, S. 59–70.
Senghaas, Dieter (2004): Zum irdischen Frieden. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Thomas, Tanja / Virchow, Fabian (Hg.) (2006): Banal Militarism. Zur Veralltäglichung des Militärischen im Zivilen. Bielefeld: transcript.
Wintersteiner, Werner / Zelger, Sabine (Hg.) (2024): Frieden. ide. Informationen zur Deutschdidaktik 4.
[1] Der Begriff geht auf die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz vor dem Deutschen Bundestag am 27. Februar 2022 zurück, drei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Scholz erklärte: „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“ Seither hat sich der Begriff als politisches Schlagwort weit über den bundesdeutschen Kontext hinaus verbreitet und wird – je nach Standpunkt – zur Legitimation militärischer Aufrüstung wie zur Beschreibung eines grundlegenden Wandels im sicherheitspolitischen Selbstverständnis westlicher Demokratien verwendet.
[2] Diese Inszenierung hat inzwischen auch hierzulande reale Auswirkungen auf ökonomische und ökologische Verhältnisse: Militärbudgets werden über Schuldenbremsen hinaus aufgestockt, während die Sparlast benachteiligte Gruppen immer weiter unter Druck setzt – eine Umverteilung, die ihrerseits in bestehende Anerkennungsverhältnisse eingreift. Neben den eklatanten Klimaschäden durch Aufrüstungsindustrie und Angriffskriege werden auch Ressourcen und finanzielle Mittel gegen die Klimaerwärmung rar – kurz- wie langfristig, für Biosphäre und Bevölkerung gleichermaßen.
[3] Friedensfähig ist ein Neologismus und als solcher verweist er auf mehr als eine lexikalische Lücke. Dass eine Sprache einen Begriff hervorbringt, den eine andere nur umschreiben kann, ist kein bloß philologischer Befund, sondern ein Indiz dafür, dass bestimmte gesellschaftliche Erfahrungen und normative Erwartungen in je unterschiedlichen sprachlichen Gemeinschaften niedergeschlagen sind. Das Chinesische, so Yeong Liang, zwingt zur Entscheidung: zwischen 和平能力, der Fähigkeit zum Frieden als erreichbarer Kompetenz, und 走向和平, dem Frieden als offenem Prozess, dem man sich annähert, ohne ihn je abschließend zu besitzen. Im Persischen, für das Mahmoot Yary verschiedene Umschreibungen nennt, die je nach Kontext einmal mehr konfliktlösend, einmal friedliebend meinen, muss zwischen der Friedensfähigkeit als Charakter صلحجو (solh-ju) und der Friedensfähigkeit als Ansatz oder Lösung unterschieden werden: راهکار مسالمتآمیز (rāhkār-e mosalemat-āmiz). Im Italienischen nimmt Maria Pia de Martin die Übersetzungsanfrage zum Anlass, selbst ein Wort zu erfinden, das das deutsche Adjektiv am besten zum Ausdruck bringe: ca-pace – eine Konstruktion, die in der Verschmelzung von capace und pace die Fähigkeit zum Frieden als innere Disposition des Subjekts lesbar macht. Was in diesen Übertragungsprozessen sichtbar wird, ist keine Schwäche des Ausgangsbegriffs, sondern seine produktive Spannung: Friedensfähig hält jene Differenz offen, die zwischen dem, was gesellschaftlich möglich wäre, und dem, was institutionell verwirklicht ist, unaufhebbar bleibt. Zugleich macht es in der Logik der Mehrsprachigkeit die Frage nach Zuständigkeiten und Akteuren sichtbar.
[4] Das Projekt wurde unter Leitung von Doris Lindner an der KPH Wien/Niederösterreich in Kooperation mit der PH Salzburg, der PH Tirol und der PH Wien durchgeführt. Befragt wurden Jugendliche aus verschiedenen österreichischen Bundesländern zu ihrer Vorstellung von Demokratie: was Demokratie für sie bedeutet, wie sie demokratisches Leben hier und jetzt erleben, wie sie es selbst gestalten – und was sie sich für die Zukunft wünschen.
Autor:innen dieser Ausgabe
Herausgeber:innen
Doris Lindner
Julia Köhler
Josef Mühlbauer
Sabine Zegler
Claudia Brunner, Politikwissenschaftlerin und feministische Friedensforscherin; seit 2020 Professorin am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt. Ihre Arbeiten zum Zusammenhang von Wissen(schaft) und Gewalt(freiheit) wurden in Deutschland mit zwei Wissenschaftspreisen ausgezeichnet; ihr Werk Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne (transcript, 2020) wurde im Rahmen des Elise Richter Exzellenzprogramms gefördert.
Publikationen und Mediathek: www.epistemicviolence.info
Kontakt: claudia.brunner@aau.at
Info: www.epistemicviolence.info
Oskar Dangl, Lehrbeauftragter an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Wien
Valentina Diaz, Masterstudierende des Lehramts Deutsch und Geschichte an der Universität Wien und interessiert sich insbesondere für feministische Perspektiven auf gesellschaftliche Themen. Im Rahmen des Seminars „Frieden sprechen, lesen, schreiben lernen“ nahm sie 2024 an der Tagung Friedens-Vorstellungen teil. Dort hatte sie die Gelegenheit, den Schriftsteller und Essayisten Franz Schuh im Vorfeld einer Podiumsdiskussion zu interviewen.
Kontakt: valentina.diaz@gmx.at
Julia Köhler, Studienprogrammleiterin am Zentrum für Lehrer*innenbildung, Universität Wien; Forschungsschwerpunkte sind Kulturelle Bildung und Lehrer:innenprofessionalität.
Kontakt: julia.koehler@univie.ac.at
Doris Lindner, Hochschulprofessorin für Bildungssoziologie, Menschenrechtspädagogik und ethnografische Schulforschung an der KPH Wien/Niederösterreich. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Analyse von Ausgrenzungsmechanismen und Diskriminierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Sie ist Mitherausgeberin der Reihe »Brennpunkt Schule« (Kohlhammer); zuletzt erschienen: Schule ohne Diskriminierung. Strategien für die pädagogische Praxis (Kohlhammer, 2026).
Details: kphvie.ac.at/dorislindner
Kontakt: doris.lindner@kph.ac.at
Gabriele Michalitsch, Politikwissenschafterin und Ökonomin, lehrt an den Universitäten Wien und Klagenfurt. Sie hatte (Gast–) Professuren an der Universität Wien, der Universität Graz, der Renmin-Universität/Peking, der Corvinus-Universität/Budapest und der Yeditepe-Universität/Istanbul inne und war externe Expertin des Europarats.
Kontakt: Gabriele.Michalitsch@univie.ac.at
Josef Mühlbauer, Universitätsassistent am Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen der Universität Graz; Herausgeber zahlreicher Bücher im Bereich der kritischen Friedensforschung und Leiter des YouTube Kanals Varna Peace.
Kontakt: josef.muehlbauer@uni-graz.at
Melina Sederl hat Deutsch und Geschichte/Politische Bildung auf Lehramt studiert und arbeitet aktuell an einer Mittelschule in Wien Floridsdorf. Erfahrungen im politikdidaktischen Bereich sammelte sie beim Demokratiezentrum Wien. In ihrer Masterarbeit im Bereich der Deutschdidaktik beschäftigte sie sich intensiv mit Bildern des Leidens und ihrem Potenzial für Bildungsprozesse.
Kontakt: melina.sederl@gmail.com
Franz Schuh, österreichischer Schriftsteller und Essayist. Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik mit einer Dissertation über Hegel und die Logik der Praxis. Er ist kulturpolitisch tätig, arbeitet mit verschiedenen Rundfunkanstalten und Zeitungen und ist Lehrbeauftragter an der Universität für angewandte Kunst Wien. „Reden über den Frieden“ mit Werner Wintersteiner im Rahmen der Tagung „Friedens – Vorstellungen“ am 29.11.2024 verfügbar unter https://phaidra.kphvie.ac.at/detail/o:736
Rosemarie Schöffmann, Universitätsassistentin an der Universität Klagenfurt am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung und Teil des queer-feministischen Kollektivs GemSe (Gemeinsam Sein). Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Intersektionalität, Geschlechterverhältnisse, Friedensbildung und Global Citizenship Education sowie post- und dekoloniale Theorie.
Kontakt: rosemarie.schoeffmann@aau.at
Werner Wintersteiner, Universitätsprofessor i.R. der Alpen-Adria Universität Klagenfurt; Gründer des Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung; Deutschdidaktiker und Friedenspädagoge. Neuestes Buch: W. Wintersteiner (Hrsg.): Mehr Sicherheit ohne Waffen. Zur Aktualität von Hans Thirrings Friedensplan (Promedia 2025).
Website: https://wernerwintersteiner.at
Kontakt: Werner.Wintersteiner@aau.at
Sabine Zelger, Hochschulprofessorin für Deutschdidaktik an der KPH Wien/NÖ, ist in der Lehrer:innenbildung der Primar- und Sekundarstufe engagiert. Publikationen zuletzt: Frieden. ide 4/2024, hgg. mit Werner Wintersteiner; Politische Dimensionen der Deutschdidaktik. Berlin: Peter Lang 2025, hgg. mit Matthis Kepser.
Verfügbar unter: https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/108361
Details: https://kphvie.ac.at/sabine-zelger/home.htmlKontakt: sabine.zelger@kphvie.ac.at
Bestellen
Studienverlag: Schulheft 203

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