Klappentext
In dieser Jubiläumsausgabe greifen wir die Gründungsidee des schulheft auf und widmen uns den historischen und gegenwärtigen Kämpfen um Bildung. Die Beiträge beleuchten Bildungsproteste in Österreich und weltweit, zeigen Strategien des Widerstands und eröffnen neue Perspektiven auf bestehende Machtverhältnisse.
Mit dieser Ausgabe wollen wir zur kritischen Reflexion anregen und Mut machen, Bildung gemeinsam zu verändern.
Inhalt
Editorial
Markus Grass
Arbeitskämpfe im Bildungswesen der USA
Vom Streik in Chicago 2012 bis zur Entstehung der Red-For-Ed-Bewegung seit 2018
Autor:innenkollektiv
Wie wir die Rebellion aufgebaut haben
Eine Fallstudie zu den Lehrer:innenprotesten in Serbien
Franz Dworschak
Strajk!
Umkämpfte Bildung in Zentralosteuropa
Nicolás Dvoskin, Julia Segre Maturano
Bildungskonflikte in Argentinien unter Milei (2023–2025)
Edith Vivas
La Coordinadora
Die Nationale Koordinierungsstelle der Bildungsarbeiter:innen
Freinet heute: Pädagogik als kooperative, demokratische Praxis
Ein Gespräch mit Wanda Grünwald
Michael Doblmair
Eine kleine Geschichte der Lehrer:innen-Streiks in Österreich
Selma Schacht und Samuel Kammermeier
Der Arbeitskampf zur Freizeitpädagogik-Novelle
Ein Praxisbericht aus dem Aktions- und Streikkomitee der „Bildung im Mittelpunkt GmbH“
Gerald Faschingeder
Eine Pädagogik der Bewegung
Jocelyn Dechêne
Rassismuskritische Perspektiven auf Lehrer:innenprofessionalität im Dialog mit Überlegungen Paulo Freires
Rezension
Christina Zöhrer
Julia Dück
Soziale Reproduktion in der Krise
Sorge-Kämpfe in Krankenhäusern und Kitas
Autor:innen dieser Ausgabe
Wir widmen diese Nummer unserem 2020 verstorbenen Kollegen (und Mitgründer der apfl-UG) Karl Fischbacher, der, als überzeugter Internationalist, immer auch über die diversen Ozeane, besonders nach Lateinamerika, Ausschau gehalten hat. Sein kämpferisches und kritisches Engagement in Sachen Gewerkschaft hat uns bei der Redaktion begleitet.
Reinhard Sellner 1947–2025
Nach Redaktionsschluss hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass Reinhart Sellner gestorben ist. Er war eine, wenn nicht die zentrale Figur der Unabhängigen Gewerkschafter:innen (UGÖD). Neben seinen Tätigkeiten als Lehrer, politischer Aktivist und Gewerkschafter war er auch ein begnadeter Liedermacher. Wir trauern um einen ganz Wichtigen … und verweisen auf die Würdigungen auf der Website der UG: ugoed.at.
Editorial
Mit dieser 200. Ausgabe feiern wir nicht nur ein rundes Jubiläum, sondern bekräftigen zugleich den Gründungsgedanken des schulheft: das Engagement für eine demokratische, solidarische und widerständige Bildungspraxis. Entstanden aus der Initiative kritischer Lehrer:innen, war es von Anfang an Ziel der Zeitschrift, das österreichische Bildungssystem nicht nur zu analysieren, sondern auch zu verändern.
Gerade deshalb widmen wir diese Jubiläumsausgabe den aktuellen und historischen Kämpfen im Bildungsbereich. Die versammelten Beiträge zeigen, dass Bildungsproteste nicht nur auf lokale Bedingungen reagieren, sondern Ausdruck eines grenzüberschreitenden Widerstands gegen ein global wirksames Bildungsregime sind. So lassen sich etwa trotz unterschiedlicher nationaler Kontexte wiederkehrende Muster erkennen: von chronischen Sparmaßnahmen und wachsendem Leistungsdruck über standardisierte Testregime bis hin zur politischen Repression demokratischer Initiativen.
Bildungsbewegungen – ob in Wien, Belgrad, Budapest, Chicago oder Mexiko-Stadt – formieren sich zunehmend als Antworten auf ein globales, neoliberales Bildungsregime, das Bildung marktförmig organisiert und soziale Ungleichheiten reproduziert. Dabei sind die Ausgangslagen für gewerkschaftliche Kämpfe in den genannten Städten und Ländern zweifellos sehr unterschiedlich. Insbesondere Österreich als „Sekunden-Streik-Land“ fällt hier heraus. Im Gegensatz dazu haben die Lehrer:innenstreiks in den USA (noch vor Trump) international viel Aufmerksamkeit erfahren und gelten als Vorreiter und Vorbild für die „Organizing“-Strategie vieler Gewerkschaften. Um diesen Impetus gleich für die ganze Nummer mitzunehmen, haben wir uns entschlossen, die internationalen Berichte an den Beginn zu stellen. Im Anschluss berichten wir über Österreich; zuerst in einer sehr genauen Darstellung der „Streik-Sekunden“, die es in Österreich tatsächlich gab. Der zweite österreichische Bericht liefert dann ein atypisches, aber umso eindrucksvolleres Beispiel für einen langwierigen, im Endeffekt erfolgreichen gewerkschaftlichen Kampf: den Kampf der Freizeit-Pädagog:innen gegen das geplante Assistenz-Pädagog:innen-Gesetz. Den Schluss bilden theoretische Beiträge, die die Verknüpfung von kämpferischer Politik und Pädagogik thematisieren.
Wir begreifen diese Ausgabe als Beitrag zur Vernetzung, zur Reflexion und zur Ermutigung. Aus den hier versammelten Erfahrungen lassen sich Lehren für kommende Kämpfe, für solidarische Praktiken und für eine emanzipatorische Bildungsbewegung ziehen, die nicht im Klassenzimmer haltmacht.
Zu den einzelnen Beiträgen
Der Artikel von Markus Grass beschäftigt sich mit dem 2012 von der Chicago Teachers Union (CTU) geführten Streik als einer Initialzündung für eine ganze Reihe weiterer Arbeitskämpfe im Bildungswesen der USA. Schon 2012 verbanden die Lehrer:innen in Chicago klassische gewerkschaftliche Forderungen mit einem breiteren politischen Kampf gegen die gesamte neoliberale Agenda der herrschenden Politik. Außerdem wird analysiert, wie es der Red-For-Ed-Bewegung in West Virginia und Arizona im Jahr 2018 gelang, trotz schwacher gewerkschaftlicher Organisierung zwei Arbeitskämpfen zum Erfolg zu verhelfen.
In „Wie wir die Rebellion aufgebaut haben“ schildert ein Autor:innenkollektiv äußerst detailreich den Aufbau und Verlauf der hochaktuellen Protestdynamik in Serbien. Die aufschlussreichen Innenansichten aus der Bewegung erklären anschaulich, warum sich die Lehrer:innen den Studierendenprotesten anschlossen, wie sich das Lehrer:innenbild in Serbien seither verändert hat und welche utopischen Potentiale durch Streiks im Bildungsbereich freigesetzt werden können.
Ergänzend zu den aktuellen Auseinandersetzungen in Serbien zeichnet der Beitrag von Franz Dworschak nach, warum es in Zentralosteuropa nach der Finanzkrise im Bildungsbereich zu den umfangreichsten Arbeitskämpfen seit der kapitalistischen Transformation kam. Dabei wird einerseits deutlich, unter welchem Druck die Bildungssysteme der postsozialistischen Staaten Europas seit der Markteingliederung stehen. Andererseits wird die transnationale Dimension der Bewegungen sowie die Rolle der Lehrer:innen als Teil einer erweiterten Koalition gegen Austeritätspolitik und autoritäre Staatsprojekte sichtbar.
In ihrer Analyse zu den Bildungskonflikten in Argentinien unter Milei (2023–2025) liefern Nicolás Dvoskin und Julia Segre Maturano ein eindrucksvolles Bild der „Kettensägen“- und „Entsafter“-Politik von Milei und ihren Auswirkungen auf das Bildungswesen. Aber sie zeigen auch den massiven Widerstand, besonders im universitären Bereich.
Edith Vivas schildert die Geschichte der Coordinadora, also jener revolutionären mexikanischen Lehrer:innenbewegung, die in Opposition zur regierungstreuen - und korruptionsanfälligen - offiziellen Gewerkschaft in der Auseinandersetzung um gerechten Lohn und ein demokratisches Bildungswesen immer mehr an Boden gewinnt. In ihrer Darstellung wird klar, dass die Forderung nach „Bildung für das Volk“ ein wesentlicher Kern jeder revolutionären Bewegung ist. Die Geschichte der mexikanischen Revolution(en) liefert eindrucksvolle Beispiele für Rolle und Bedeutung von kämpferischen Lehrer:innen.
Als Überleitung von den internationalen Bildungsbewegungen zur Situation in Österreich richten wir den Blick zunächst auf die Freinet-Bewegung: Im Gespräch mit Wanda Grünwald, einem langjährigen Mitglied der österreichischen Freinet-Kooperative, geht es um die historischen Wurzeln der Bewegung, ihre aktuellen Bildungskämpfe und den gelebten internationalen, demokratischen und kooperativen Anspruch. Deutlich wird dabei, wie eng sich in dieser Bewegung Pädagogik und politische Praxis verbinden.
Michael Doblmair widmet sich den Arbeitskämpfen in Österreich aus historischer und aktueller Perspektive. Dabei spannt er den Bogen von den ersten Arbeitskämpfen von Lehrer:innen in den 1960er Jahren, über die Streiks 1973, bis zu den 2000er Jahren, um die Erfahrungen dieser Kämpfe für künftige Proteste und Streiks zusammenzufassen.
Den Beitrag von Selma Schacht und Samuel Kammermeier „Der Arbeitskampf zur Freizeitpädagogik-Novelle“ drucken wir bewusst ein zweites Mal im schulheft ab (nach der Nr. 195). Mit diesem „Praxisbericht“ liefern sie unserer Meinung nach ein Musterbeispiel, wie „Organizing“ funktioniert, wie der Kampf um bzw. in diesem Fall gegen die ministeriellen Pläne für ein „Assistenz-Pädagog:innen“-Gesetz auch über längere Zeit aufrechterhalten werden kann und schließlich zum Erfolg führt.
In nur scheinbarem Gegensatz zu den anderen hier versammelten Beiträgen fragt Gerald Faschingeder nicht danach, wie und warum soziale Bewegungen für bessere Bildungssysteme kämpfen, sondern begreift diese Bewegungen – im Anschluss an Freire, Gramsci, Lorde und hooks – selbst als außerinstitutionelle Lernorte, innerhalb derer sich Wissens- und Bewusstseinsbildungsprozesse vollziehen. Pädagogik erscheint so als immanenter Teil sozialer Kämpfe und weist über deren unmittelbare politische Zielsetzung hinaus.
Einer ähnlichen Stoßrichtung folgend, widmet sich der Text von Jocelyn Dechêne der Lehrer:innenbildung als Ort gesellschaftskritischer Auseinandersetzung und erweitert die Perspektive auf politische Handlungsfähigkeit im Bildungsbereich. Im Anschluss an Freire wird betont, dass Pädagogik nie neutral, sondern immer in politische, soziale und affektive Machtverhältnisse eingebunden ist. Der Beitrag plädiert für eine rassismuskritische Professionalisierung, die Selbstreflexion stärkt, technizistische Lehrer:innenbilder hinterfragt und sich gesellschaftstheoretisch verortet. Dabei wird eine implizite Verbindung zu bildungspolitischem Widerstand gegen standardisierte Kompetenzmessungen deutlich. Die Spannungen zwischen Theorie und Praxis werden im Beitrag nicht nivelliert, sondern als produktiver Bestandteil von Professionalisierungsprozessen verstanden.
Abschließend rezensiert Christina Zöhrer Julia Dücks Studie zu den Umbrüchen in der institutionellen Kinderbetreuung und der stationären Krankenpflege in Deutschland. Aus dezidiert feministischer Perspektive analysiert Dück Veränderungen bezahlter Sorgearbeit, zunehmende Prekarisierung und das Entstehen von Streikbewusstsein.
Wir wünschen eine anregende Lektüre!
Michael Doblmair, Franz Dworschak, Markus Grass, Petra Neuhold und Michael Sertl
Autor:innen der Ausgabe
Herausgeber:innen
Michael Doblmair
Franz Dworschak
Markus Grass
Petra Neuhold
Michael Sertl
Autor:innenkollektiv Rebellion in Serbien: Olja Jovanović, Katarina Mićić und Lidija Radulović lehren am Zentrum für Lehrerausbildung der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Bojan Vučković unterrichtet am Dreizehnten Belgrader Gymnasium, und Ljiljana Rajčić arbeitet an der Grundschule „Ivo Andrić“ in Belgrad. Aleksandar Tadić lehrt am Institut für Pädagogik und Andragogik der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Was uns verbindet, ist nicht nur unser Beruf, sondern auch die Überzeugung, dass Bildung nur dann gerecht sein kann, wenn die Gesellschaft es auch ist – und dass es sich lohnt, auf beides hinzuarbeiten.
Jocelyn Dechêne studierte gymnasiales Lehramt für Philosophie sowie Politik und Wirtschaft in Gießen. Nach ihrem Referendariat in Frankfurt am Main arbeitete sie als Gymnasiallehrerin. Seit 2023 ist sie Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Goethe-Universität Frankfurt und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der AG „Migrationspädagogik und Rassismuskritik“ an der Universität Bielefeld.
Michael Doblmair, Universitätsassistent am Zentrum für Lehrer:innenbildung, Arbeitsbereich Inklusive Pädagogik, Universität Wien.
Nicolás Dvoskin, Wirtschaft- und Politikwissenschafter. Forscher am Zentrum für Arbeitswissenschaft – CONICET, Buenos Aires, Lehrer an der Nationalen Universität Lanús. Arbeitsschwerpunkte: Wirtschaftsgeschichte, Ökonomische Entwicklung, Geschichte der ökonomischen Ideen.
Franz Dworschak unterrichtet Deutsch und Geschichte an einer AHS in Wien.
Gerald Faschingeder studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Germanistik an der Universität Wien und arbeitet seit 2004 als Direktor des Paulo Freire Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung und dialogische Bildung. Lehrbeauftragter am Institut Internationale Entwicklung der Universität Wien.
Markus Grass ist AHS-Lehrer für Deutsch und Geschichte in Wien sowie für die Österreichische Lehrer:innen-Initiative (ÖLI-UG) auf unterschiedlichen Ebenen der AHS-Gewerkschaft und der Personalvertretung aktiv.
Wanda Grünwald ist Volksschullehrerin in Wien.
Samuel Kammermeier, Freizeitpädagoge, Betriebsrat und Aktionskomiteemitglied in der Bildungs im Mittelpunkt GmbH (BIM).
Petra Neuhold, Lehrende an der Pädagogischen Hochschule Wien.
Selma Schacht, Freizeitpädagogin, Sozialarbeiterin, Betriebsratsvorsitzende in der Bildung im Mittelpunkt GmbH (BIM), KOM-intern-Arbeiterkammerrätin und Gewerkschaftsaktivistin.
Julia Segre Maturano, Bachelorstudentin Politische Ökonomie, Nationale Universität Lanús. Arbeitschwerpunkte: Ökonomische Ungleichheit, Sozialpolitik.
Michael Sertl, ehemaliger Hauptschullehrer, Soziologe; bis 2014 Prof. f. Soziologie an der PH Wien.
Edith Vivas, Studentin der Soziologe an der UNAM (Nationale Autonome Universität von Mexiko), ehemalige Grundschullehrerin für indigene Migrantenkinder in Mexiko Stadt, war aktiv im Streik an der UNAM (1999-2000) sowie in der Zapatistischen Nationalen Front (FZLN).
Christina Zöhrer, Lecturer am Arbeitsbereich Bildungstheorie und Schulforschung, Institut für Bildungsforschung und PädagogInnenbildung, Universität Graz.
Bestellen
Studienverlag: Schulheft 200

Klappentext