Klappentext
Einfache und komplexe Lebensgeschichten, belastende Erfahrungen, gesellschaftliche Erwartungen und schulischer Druck treffen in der Schule aufeinander und idealerweise auf Personen, die damit gut umgehen können. Dieses schulheft versammelt verschiedene Perspektiven auf den Umgang mit Personen in und nach belastenden und potentiell traumatisierenden Situationen:
mit Beiträgen von Forschenden, von Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen, Lehrkräften, Sprachförderkräften und Logopäd:innen.
Inhalt
Editorial
Alexandra Mauthner-Resnik
„Trauma? Wieso muss ich darüber was wissen?“
Was Lehrende, Schüler:innen und Eltern angesichts potentiell traumatischer Erfahrungen brauchen und woher sie das bekommen sollten
Ahmad Sarhan
Frieden
Verena Plutzar
Trauma, Sprache, Scham im Kontext von Deutschförderung
Angeline Kim Manco Wind
Liebe
Petra Kastner-Pfisterer
Nicht-Sprechen in der Sprachförderung
Ein Erfahrungsbericht
Mohadesa Hasani
Frieden
Emel Hajo
Spracherleben zwischen Mehrsprachigkeit und Trauma
Erinnerungsarbeit und Scaffolding im DaZ-Unterricht
Mahmud Said Oguz
Frieden
Kevin Niehaus
„Ich weiß, dass meine Lehrer es nur gut meinten …“
Sonderpädagogischer Förderbedarf als Förderung, Defizitorientierung oder strukturelle Diskriminierung?
Ibrahim Safi
Safe Place
Nazime Öztürk
Ein Blick in segregierte Lernräume am Beispiel von Deutschförderklassen – und was sie für Kinder bedeuten
Kím Sulaiman
Liebe
Ali Dönmez
„In der Schule wird Deutsch gesprochen!“
Mehrsprachige schulische Rassismuserfahrungen
Hannah Baars
Safe Place: Wer oder was ist dein Zuhause?
Daniel Wutti
Lehrer:innenfortbildungen zu Flucht und Trauma an Schulen – Was könnten wir wissen?
Autor:innen dieser Ausgabe
Editorial
Wenn Trauma in die Schule kommt
Hellgrün leuchtet das Laub, frisch ist der Geruch, aber die Berührung mit der Brennnessel ist schmerzhaft. Und in dem Grün, erst auf den zweiten Blick zu sehen, sitzt ein kleiner Weberknecht. Für alle mit Angst vor Spinnen wahrscheinlich eine unliebsame Überraschung! Was hat das mit unerwarteten belastenden Erfahrungen und gar Trauma zu tun? Als Lehrkräfte haben wir von den Schüler:innen und Eltern (bzw. an der Hochschule auch von den Studierenden) oft einen ersten Eindruck, der mehr oder weniger funktional und zugewandt ist. Erst auf den zweiten Blick, in Stresssituationen oder aber in Momenten, wenn eine gewisse körperliche Sicherheit gegeben ist, tauchen vielleicht jene Erfahrungen auf, die sich nicht unmittelbar erklären lassen. Das Lernen stockt, die Konzentration lässt nach oder das Verhalten macht Sorgen …
Der Begriff Trauma erlebte in den vergangenen Jahren eine gewisse Inflation. Dies kann einerseits positiv gewertet werden, als Zeichen gestiegener gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, aber andererseits geht damit auch eine gewisse Abwertung sehr belastender Erfahrungen einher, die auf eine Stufe mit vergleichsweise leichteren Belastungen gestellt werden. Wer in welcher Weise auf potentiell traumatische Erfahrungen reagiert, ist von den Umständen und Möglichkeiten des Individuums und seiner Umgebung abhängig. Eindeutige Antworten und Zusammenhänge sind also, wie oft im Leben, nicht gegeben. Was können Lehrkräfte nun aber tun, wenn sie sich unsicher sind, wie sie selbst bzw. warum ihre Schüler:innen in unerwarteter Weise auf bestimmte Reize und Ereignisse reagieren?
Dieses schulheft versammelt verschiedene Perspektiven auf den Umgang mit Personen in und nach belastenden und potentiell traumatisierenden Situationen: Beiträge von Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen, Lehrkräften, Sprachförderkräften und Logopäd:innen und von Personen in Ausbildung und Forschung geben Einblicke in ein komplexes Thema. Der grundlegend einführende Beitrag von Alexandra Mauthner-Resnik macht deutlich, dass Lehrende keine therapeutischen Aufgaben übernehmen können und sollen, wenn sie darauf nicht professionell vorbereitet sind. Aber gleichzeitig betont sie, ähnlich wie Daniel Wutti im letzten Beitrag, dass Lehrkräfte den Erfahrungen ihrer Schüler:innen nicht hilflos ausgeliefert sind: Wissen über traumasensible Pädagogik und nicht-therapeutische Interventionsmöglichkeiten hilft Lehrenden in Akutsituationen und bei der Einordnung des langen ‚Danachs‘ potentiell traumatischer Erfahrungen.
Für den schulischen Umgang ist die Frage der Diagnostik und Einordnung daher wahrscheinlich nachrangig: Stattdessen konzentriert sich der Beitrag von Verena Plutzar darauf, zu verstehen, wie das Erleben von Scham und Unsicherheit im Zusammenhang mit Migration oder Flucht Auswirkungen auf das Erlernen von Sprachen hat und wie bestimmte Organisationsformen, z. B. Deutschförderklassen, dies nicht unbedingt unterstützen. Petra Kastner-Pfisterer zeigt im folgenden Beitrag, wie sich gerade in der vorschulischen Förderung das Nicht-Sprechen(-Können) als besonders schwierige Ausgangslage für pädagogische Interventionen darstellt. Hintergründe zum Lernen unter schwierigen Bedingungen liefert auch der sehr praktische Beitrag von Emel Hajo, die Erinnerungsarbeit mit Lerner:innen in einem Deutschförderkurs durchführt, um Herausforderungen und Ressourcen zu identifizieren.
Ausgehend von den Erwartungen an Lernprozesse (Wie schnell? In welcher Form?) zeigt danach Kevin Niehaus einige der schulischen Prozesse auf, die zu einer Be- und Absonderung von einzelnen Kindern durch Zuschreibung von sonderpädagogischem Förderbedarf führen und damit nicht Unterstützung, sondern vielmehr den Abbruch von Unterstützungsangeboten erreichen. Fragen der pädagogisch sinnvollen Teilung im Vergleich zu segregierenden Praktiken, wie sie oft durch Deutschförderklassen zustande kommen, diskutiert im Anschluss Nazime Öztürk. Diese sind inhärent mit Rassismuserfahrungen verbunden, die Schüler:innen, aber auch Eltern und Lehrende an Schulen machen. Sie haben großen Einfluss auf Mehrsprachigkeit, Teilhabe und Lernmöglichkeiten, wie Ali Dönmez mit Beispielen aus seinen Schulworkshops beschreibt. Dabei spielen institutionelle Faktoren und Machtverhältnisse eine wichtige Rolle, und vor allem auch ihre Wirkung auf das emotionale Spracherleben von Individuen.
Schule ist damit sowohl ein Ort, in den Trauma ‚von außen‘ hereingetragen wird, aber durch Ausschlusserfahrungen ist es auch ein Ort, an dem Menschen belastende Erfahrungen machen. Unsicherheit und Scham hindern Schüler:innen (und ihre Eltern), sich zu äußern und halten sie vielleicht davon ab, sich vertrauensvoll an Schulen und Lehrende zu wenden und Angebote wahrzunehmen, die es möglicherweise gibt. Was, worüber, wann und wie wir sprechen (können), ist ganz entscheidend von den Personen und Räumen geprägt, mit und in denen wir etwas tun oder zu tun haben.
Wie können wir also Schule und Gesellschaft anders denken? Als sichere Räume und Orte der Begegnung? Unter den Titeln Frieden, Safe Place und Liebe sind in diesem schulheft Beiträge von Jugendlichen abgedruckt, die im Rahmen der ersten Ausgabe des deutschen Redewettbewerbs „MehrSprachen=mehrWir“ entstanden[1]. Dieser Wettbewerb, inspiriert vom österreichischen Vorbild „Sag’s Multi“, lädt Jugendliche ein, sich in zwei Sprachen zu einem Thema ihrer Wahl zu äußern. Die Reden, die in diesem Heft abgedruckt sind, stammen aus der zweiten Auswahlrunde bzw. aus dem Finale des Wettbewerbs, das im Mai 2025 in Berlin stattfand. Manche der Autor:innen haben ihre Reden in diesem schulheft in zwei Sprachen eingereicht, andere haben sich entschieden, den Text nur auf Deutsch abzudrucken. Zu den meisten Reden gibt es auf der Website des Wettbewerbs unter dem angegebenen Link die mehrsprachigen Videos auch mit Untertiteln zu sehen. Die Stimmen der Schüler:innen aus allen Teilen Deutschlands und die Inhalte ihrer Botschaften geben Einblick in die Belastungen, mit denen Schüler:innen konfrontiert sind, aber sie zeigen vor allem die Eloquenz und Bestimmtheit, mit der die jungen Redner:innen diese Themen aufgreifen und öffentlich machen.
Im Nachdenken über das Bild der Brennnessel taucht schließlich noch eine zweite Erfahrung auf: Wenn man Brennnesseln zu zaghaft streift, sie vielleicht sogar versucht zu vermeiden, obwohl man schon knietief darin steht, brechen besonders viele der Nesselhärchen. Hingegen bleibt bei festerer Berührung der Schmerz eher aus. Dieses schulheft will in den folgenden Beiträgen dazu einladen, im Umgang mit Schüler:innen, Eltern und Kolleg:innen in belastenden Situationen nicht zu flüchten, sondern sich Wissen anzueignen, das es erlaubt, eine gute und sichere Position für sich und andere zu finden. In diesem Sinn hat die Beschäftigung mit Trauma oder belastenden Situationen auch ein großes Potential für Optimismus: Wissen, Engagement und Kooperation geben uns die Möglichkeit, Trauma in der Schule nicht nur zu ertragen, sondern damit als (oft komplett überraschendem) ungebetenem Gast einen traumasensiblen Umgang zu finden.
Judith Purkarthofer
[1] „MehrSprachen=mehrWir“ wird von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ausgerichtet und von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, zugleich Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus gefördert. https://www.mehrsprachen-mehrwir.de
Autor:innen der Ausgabe
Hannah Baars ist 14 Jahre alt und lebt an der Ostsee. Im Mai 2025 hatte sie die großartige Chance, am Finale des bundesweiten Wettbewerbs „MehrSprachen=mehrWir“ teilzunehmen. Dort durfte sie über das Thema „Safe Place“ reden, welches ihr sehr am Herzen liegt.
Ali Dönmez ist Lehrer für Deutsch als Zweitsprache und Logopäde, arbeitet zu Mehrsprachigkeit, Rassismuskritik und Sprache in Bildungskontexten. In seinem Workshop „In der Schule wird Deutsch gesprochen!“ thematisiert er Sprachgebote und ihre gesellschaftlichen sowie bildungspolitischen Auswirkungen. Mehr Informationen: www.ali-doenmez.at
Emel Hajo absolviert den Studiengang Master des Lehramts für Haupt-, Real- und Gesamtschulen mit den Fächern Deutsch und Sozialwissenschaften.
Mohadesa Hasani besucht die Kopernikusschule Freigericht und lebt seit zehn Jahren in Deutschland, nahe Frankfurt. Sie spricht fünf Sprachen und ist stolz auf das, was sie ist. Sie will immer weiter machen, bis sie mehr Menschen mit ihrer Stimme erreichen kann.
Petra Kastner-Pfisterer studierte Romanistik und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und war anschließend Teil der Forschungsgruppe Spracherleben am Institut für Sprachwissenschaft bei Dr. Brigitta Busch. Als Sozialpädagogin arbeitete sie mit Kindern, Jugendlichen und suchterfahrenen Erwachsenen. Seit 5 Jahren ist sie Sprachpädagogin in den städtischen Kindergärten der Stadt Steyr. Ihr langjähriges Interesse gilt der zwischenmenschlichen Kommunikation und dem „Sich-Verstanden-Fühlen“ auf allen Ebenen.
Alexandra Mauthner-Resnik ist Mutter eines 18-jährigen Sohnes, studierte Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der KFU Graz und Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Langjährige Tätigkeit als Organisationsberaterin, Coach und Trainerin in der Wirtschaft, aktuell selbständige Psychologin und flexible Hilfe mit einem Schwerpunkt im schulischen Kontext für Migrationsfamilien.
Kevin Niehaus ist Akademischer Rat am Institut für Sonderpädagogik an der Universität Duisburg-Essen. Zuvor arbeitete er an Haupt- und Förderschulen mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Inklusion und sonderpädagogische Diagnostik.
Mahmud Said Oguz schreibt über sich, dass er einen türkischen Migrationshintergrund hat. Er lebt seit der 5. Klasse in Deutschland, macht derzeit sein Abitur und ist Stipendiat der START-Stiftung.
Nazime Öztürk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Wien, forscht zu sozialer und akademischer Partizipation von Schüler:innen, Diversität, inklusive Pädagogik und Bildungspolitik.
Verena Plutzar ist als Germanistin seit 1991 mit der Frage beschäftigt, wie Menschen, die nach Österreich migrieren oder flüchten, gut Deutsch lernen können. Sie arbeitete im Verein Projekt Integrationshaus, an der Uni Wien und viele Jahre als freie Dozentin und Erwachsenenbildnerin. Aktuell lehrt, forscht und publiziert sie an der KPH Wien/Niederösterreich. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerk SprachenRechte.
Judith Purkarthofer ist Juniorprofessorin an der Universität Duisburg-Essen, forscht zu mehrsprachigen Familien, Sprache in sozialen Räumen, Sprachbiographien und Sprachen im Zusammenhang mit traumatischem Erleben.
Ibrahim Safi lebt mehrsprachig in Deutschland und ist im Schuljahr 2024/25 mit seiner Rede zum Thema „Safe Place“ in die zweite Runde des Redewettbewerbs „MehrSprachen=mehrWir“ gekommen.
Ahmad Sarhan schreibt über sich: Ich bin nicht einfach geflohen – ich wurde aus jedem Ort gerissen, der sich wie Leben anfühlte. Selbst in der Sicherheit fühle ich mich manchmal wie ein Gast im Leben.
Kím Sulaiman ist 16 Jahre alt, wurde in Rojava geboren, lebt seit 2014 in Deutschland und interessiert sich sehr für Politik.
Angeline Kim Manco Wind ist 18 Jahre alt, kommt aus einem kleinen Dorf in Peru, lebt seit drei Jahren in Deutschland und träumt von einer Welt, in der Sprache Brücken baut, Menschen einander mit offenen Herzen begegnen – und sich jeder gesehen, verstanden und geliebt fühlt.
Daniel Wutti ist Hochschulprofessor an der Pädagogischen Hochschule Kärnten und Psychotherapeut. Er hat Sozialpsychologie studiert und in Psychologie sein Doktorat abgeschlossen. Praktische Erfahrung mit traumatisierten geflüchteten Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen hat er beim Klagenfurter Verein Aspis gemacht, der kostenlose Psychotherapie für Geflüchtete Menschen anbietet. Daniel forscht auch zu Erinnerungskulturen, Mehrheiten-Minderheiten-Verhältnissen und Mehrsprachigkeit.
Bestellen
Studienverlag: Schulheft 201

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